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Pritschenmeister und Zieler
 

Von Brigitte G. Hölscher

 

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Oft wundert sich der heutige Traditionsschütze, warum auf alten Abbildungen, Schützenscheiben und vor allem auch Medaillen verschiedene Abbildungen von Harlekinen oder in der Art von Moriskentänzern und Eulenspiegel-Figuren gezeigt werden.

Diese Abbildungen haben meines Erachtens zwei unterschiedliche Ursprünge. Einerseits werden hier mittelalterliche Pritschenmeister gezeigt und andererseits werden die Zieler in ihrer bunten Kleidung abgebildet.

Ist eine Harlekin-Figur mit einer Zielerkelle oder Scheibe in der Hand abgebildet, so handelt es sich meist um einen Zieler. Hat die Figur jedoch eine Pritsche oder Rute bei sich, dann wird es sich um einen Pritschenmeister handeln.

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Auf der Abbildung ist die Prämien-Silbermedaille für die Standscheibe vom 15. Münchner Bundesschießen im Jahre 1906 abgebildet, die einen tanzenden Zieler zeigt. 

Doch solche Darstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind auch schon damals fast als „historisch“ zu bezeichnen, da alte Traditionen der Zieler und Pritschenmeister da auch nicht mehr derart gelebt und ausgeführt wurden. Die ehemals tanzenden Zieler waren bereits – für den Schützen unsichtbar – im Zielergraben untergebracht.

Nachdem auf den Schießstätten zu Ende des 19. Jahrhunderts ein immer regerer Betrieb herrschte, als in den vorangegangenen Jahrhunderten, so wurde die Tätigkeit des Verantwortlichen mit der Person des „Oberzielers“ besetzt. 

Dieser ist seither auf den Schießstätten in Bayern für die Bereitstellung der Scheiben, die mechanischen Anlagen und den reibungslosen Ablauf eines Schießtages verantwortlich. Oft war er auch für die Abrechnung und das Vortelgeld zuständig, sofern dies nicht in den Händen des Aktuars oder Schatzmeisters lag. 

Die nebenstehende Werbemarke (um 1910) vom Scheibenverlag 
„Paul Zimmer Stuttgart“
ist mit einem Zieler dekoriert.


Die Geldpreisplakette von 1923 zeigt ebenfalls einen Zieler, der in wildem Tanz mit Scheibe und Kranz abgebildet ist.
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• Pritschenmeister •

Schon im Mittelalter bedurfte es bei den damaligen Armbrust- und Büchsenschießen der großen Städte einer Art „Oberaufsicht“ auf dem Schießplatze, die für Zucht und Ordnung sowie für die Einhaltung der Schützenregeln sorgte. Dies war der Pritschenmeister, der eine sehr hohe Autorität war.

Oftmals war er in bunte, seidene Stoffe gekleidet, die die Landesfarben oder Stadtfarben des ausrichtendes Herrschers wiedergaben. Und vor allem hatte er seine „Pritsche“ stets bei sich, eine aus Leder und dünnen Holzstreifen gestaltete Patsche oder Rute, die zur Züchtigung der sich falsch verhaltendenden Schützen (und oft auch Besucher) der Veranstaltung benutzt wurde.
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Abbildungen: entnommen aus dem Buch „Wir Schützen“ 1938

Für Fehlverhalten wie beispielsweise Trunkenheit, Übermut oder Beschädigung von Einrichtungen oder Waffen wurde der Delinquent abgestraft. Und das in einer Form, die oft sehr hart war. In alten Abbildungen der mittelalterlichen Schützenfeste stand dem Pritschenmeister ein erhöhtes Holzgerüst zur Verfügung, auf welchem die Strafe erfolgte – ohne Rücksicht auf Stand und Rang des Delinquenten. 

Auf diesem „Predigtstuhl“ wurde (je nach Schwere des Vergehens) dem Übeltäter unter der Anteilnahme der johlenden Menge eine Tracht Prügel mit der Pritsche erteilt. Dazu wurden vom Pritschenmeister aus dem Stegreif gereimte Verse vorgetragen, die den Publikum darlegten, für welches Vergehen der Delinquent nun abgestraft wurde.
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Aber nicht nur auf dem „Predigtstuhl“ wurde hart gezüchtigt. Der Pritschenmeister war von früh bis spät auf dem Schießplatz unterwegs, um für Ordnung zu sorgen. Dabei wurden mit der Pritsche hier und da Klapse verteilt, um kleineren Vergehen Einhalt zu gebieten.
Dem Pritschenmeister unterstanden bei den mittelalterlichen Schützenfesten auch die Zieler. Als anerkannte Ordnungsmacht war er also auch für das korrekte Aufzeigen der Schüsse mitverantwortlich. Er sorgte auch bei den Zielern in den Hütten und Gräben draußen am Ende des Schießfeldes für Recht und Ordnung.

Ein Pritschenmeister war meist ein gebildeter Mann, der viel in der damaligen Welt und auf Schützenfesten herum gekommen war. Sonst wäre er gar nicht in der Lage gewesen, die Gepflogenheiten und Sitten bei Hofe oder der jeweiligen Städte in Deutschland zu kennen. 

Auch das Reimen und spätere Niederschreiben der Verse setzte ein gewisse Bildung voraus. Durch die gereimten Niederschriften der mittelalterlichen Pritschenmeister sind bis heute viele Eindrücke über das mittelalterliche Schützenwesen erhalten.

Sicherlich gab es auch große Unterschiede zwischen den norddeutschen Pritschenmeistern und den Kollegen aus Süddeutschland und dem alpenländischen Raum.

In Oberbayern und vor allem im Salzburgerland ist der Pritschenmeister auch als Hansswurscht überliefert, der als lebensliebender Narr seine Freiheit auf allerhand Veranstaltungen genoss. 

Mit der Pritsche als Narrenzepter war er bis weit ins 18. Jahrhundert hinein beim Scheibenschießen und auf Jahrmärkten als Stegreifkomödiant, Possenreißer, Sänger und Unterhalter zugegen. 

Die Historie und das Wirken vom alpenländischen Hansswurscht (auch als Wurschtl, Papageno, Harlekin, etc.) würde Bände füllen und so kann dieses Thema hier nur kurz angerissen werden.

Heutzutage verkörpert der Salzburger Johannes Rupert Franz originalgetreu die Figur des Hansswurscht und  Pritschenmeisters und zieht in seinem Gewand mit Pritsche und Narrensprüchen über die Jahrmärkte, Zunftfeste  und andere volkstümliche Veranstaltungen.

Auch beim Maishofener Scheibenstutzenschießen alljährlich im Frühsommer kommt er zu Besuch, um Schützen und Besucher zu erfreuen. 

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• Zieler •

Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Schießbetrieb ohne Zieler kaum denkbar.  Denn auf lange Distanzen beim Scheibenschießen wie auch auf kurze Distanzen beim Zimmerstutzenschießen musste ein Zieler für das Aufzeigen des Schusses vorhanden sein.

Von automatische Aufzeigemechanismen war zwar schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts immer wieder in technischen Magazinen zu lesen, doch ob diese jemals zum Einsatz kamen und wie sie sich bewährt haben, kann heute nicht mehr beurteilt werden.

Es waren stets die unterschiedlichen Kaliber und Geschosse, die eine eindeutige automatische Auswertung unmöglich machten. Vor ähnlichen Problemen stehen auch heute noch die Hersteller von elektronischen Scheiben.

Die Zieler standen in einem kleinen Haus als Deckung, um erst auf Glockenkommando des Schützen oder Warners am Schießstand hervorzutreten, um den Schuss aufzuzeigen. 

Auf anderen Ständen ist der Zieler gar nicht aus seinem Unterstand hervor gekommen, um den Schuss aufzuzeigen. Wie die Abbildung des Züricher Freischießens von 1504 zeigt, war auch die Variante mit einer langen Stange zum Aufzeigen möglich.

Auf längere Distanzen kommunizierten Warner und Zieler zwischen Stand und Scheibe mit Rufen sowie Glocken und farbigen Tafeln. 
Dies muss auf größeren Festschießen wie ein heilloses Durcheinander gewirkt haben! 

Doch da es auch stets um die Sicherheit der Zieler und den gesamten Schießbetrieb ging, durfte der Zieler erst aufzeigen, wenn an diesem Stand Sicherheit hergestellt war.

Die Sicherheit war auch der Hauptgrund für die bunte Kleidung der Zieler. Da die Sichtverhältnisse bei allen Wetterlagen nicht die besten waren, konnte der Warner und der Schütze am Stand den Zieler in bis zu 300 Metern Entfernung natürlich nur sehen, wenn er auffällig gekleidet war.
Der Genre-Maler Lorenzo Quaglio zeigt uns in seinem Bild von 1849 ein ländliches Schützenfest am Tegernsee. Da das Gemälde in prächtigen Farben gehalten ist, sieht man im Hintergrund deutlich den tanzenden Zieler in seiner typisch bunten Kleidung, der dem Schützen den Schuss aufzeigt.  
Das Bild mit dem Titel „Schützengesellschaft“ von Ludwig Graf Otting aus dem Jahre 1880 zeigt uns ein gediegenes Scheibenschießen, wobei der Schütze in der Mitte den Münchner Mundartdichter Franz von Kobell darstellt.

In einem speziellen Spielkarten-Set aus Leipzig (1884) sind die Unter/Buben natürlich als Zieler dargestellt. 

Die meist hohen, spitzen Hüte halfen auch zu Sicherheit bei. Denn wenn der Zieler nicht in einer kleinen sicheren Hütte neben der Scheibe platziert war, so hatte er einen Graben oder eine Kuhle, in der er sich während der Schuss- abgabe in Sicherheit begab. Schaute er heraus, so war für den Warner oder Schützen erst nur seine Hutspitze zu sehen – man wusste also, wo er war. 

Auf vielen Schießständen gab es die Tradition, dass die Zieler die errungene Ringzahl dem Schreiber und dem Schützen durch bestimmte Gesten oder auch Bewegungen mitteilten. Da die Scheiben damals nur drei- oder vierkreisig waren, gab es nur eine geringe Anzahl von „Tänzchen“, die der Zieler aufführte. Dies gehörte aber stets zum Scheibenschießen dazu und sorgte auch bei den wartenden Schützen und Zuschauern für großes Interesse und auch Belustigung. Von „konzentrierter Stille“ auf dem Schießstand konnte damals also keine Rede sein...

Ebenso waren bei großen Festschießen oder auch den Deutschen Bundesschießen die Zieler beim Einzug der Schützen und Festwägen zum Schießplatz mit von der Partie. Oft traten sie in der ganzen Gruppe an und tanzten dem gesamten Schützenzug vorweg oder hinten nach. Bei den traditionellen Schützen im Salzkammergut haben die Zieler bei den Festivitäten und Schützenfesten (z.B. Schützenmahl) auch heutzutage noch  ihre bestimmten Rollen.  

So hatten die Zieler beim Scheibenschießen schon eine sehr lange Tradition, denn schon beim Armbrustschießen vor der Erfindung des Scheibengewehrs waren sie im Einsatz. Als das sportliche Schießen mit dem Zimmerstutzen ab ca. 1850/60 Formen annahm, wurden auch hier Zieler zum Einsatz gebracht, die wie ihre Kollegen vom Scheibenschießen in bunter Kleidung antraten.

Für mehr Sicherheit der Zieler wurden im 19. Jahrhundert die Stände auf den großen Schießstätten dahingehend umgebaut, dass die Zieler im mehr als mannshohen Zielergraben untergebracht waren und die noch heute bekannten Wechsel-Zugscheiben eingebaut wurden. So konnte der Zieler gefahrlos von unten mit einem langen Paddel die Trefferlage anzeigen und die errungene Ringzahl in das Lochraster einhängen.

So wie der Zieler beim Scheibenschießen ein fester Bestandteil seiner Schützengesellschaft war, ist auch der Zieler beim Zimmerstutzenschießen voll in den Verein integriert gewesen. Denn ohne Zieler konnte auch hier kein Schießbetrieb stattfinden!

Der noch heute verwendete Seilzugstand war noch nicht wirklich erfunden. Auf den damals gängigen Distanzen von 10-30 Metern saß der Zieler beim Zimmerstutzenschießen meist hinter einer Deckung, die unter oder neben der Scheibe angebracht war. Hier zeigte er mit einer kleinen Kelle die Trefferlage des Schusses an und teilte dem Schreiber die errungenen Kreise meist mündlich mit.
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Da die Zimmerstutzen-Schützen vor über 100 Jahren gerne verschiedene Spiele bei ihren Schießabenden durchführten, war sehr früh der kleine Schießautomat erfunden. Traf man die „10“, löste ein Mechanismus die Funktion aus, dass eine Figur aus dem Hintergrund hochschnellte oder sich bewegte. 

Manchmal war dies auch mit dem „Krachen eines Böllers“ verbunden, wie beim Scheibenschießen. Doch wird hier der Knall durch ein Zündhütchen ausgelöst, das mit dem gesamten Mechanismus gekoppelt ist. Wie hier in der Abbildung zu sehen, wurde das Motiv des Zielers auch als Figur beim Zimmerstutzen-Schießautomaten adaptiert.

Beim Armbrustschießen waren übrigens auch Zieler im Einsatz, die nach Schussabgabe den Bolzen mit einer „Seil-Gondel“ zum Schützen zurückschickten. 

Während in den 1950er Jahren der Betrieb beim Kleinkaliber-Scheibenschießen bald auf 100 Meter oder gar nur auf 50 Meter reduziert wurde, konnten hier auch die ersten Seilzugstände zum Einsatz kommen. Somit war das Dasein der Zieler und ihre Tradition hier bald besiegelt.

Auch das Luftgewehrschießen in den 1950er Jahren wurde zu Beginn noch oft mit Zielern bewerkstelligt. Doch hielten auch bald Handkurbelstände ihren Einzug, so dass der Zieler hier ebenfalls überflüssig wurde.

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Der letzte offene Zieler-Schießstand für Scheibenschießen, der heute noch in Betrieb existiert, ist der historische Stand der Privilegierten Schützengesellschaft Lauffen im Salzkammergut (Distanz ca. 120m, bergauf). Hier kommt der Zieler seit 400 Jahren noch selbst aus der Deckung, um mit seinen charakteristischen Bewegungen die Ringzahl darzubieten. Mit seiner kurzen Kelle gibt er die genaue Position des Treffers an. Bei einem guten Blattltreffer wird ein Böller gezündet und verschiedene historische Figuren klappen rund um den Scheibenstand auf.

Wir als Traditionsschützen wünschen uns natürlich, dass dieses historische Spektakel mit hohem Zuschauerwert noch viele, viele Jahre genau so in Lauffen durchgeführt werden kann, wie es vor Jahrhunderten der Brauch war!

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© Brigitte G. Hölscher / Juni - 2011