| Das Schießen in Zimmerstutzengesellschaften | |
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Von Brigitte G. Hölscher |
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Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert war das Zimmerstutzenschießen
schon 50 Jahre lang Volkssport in München und bald in ganz Bayern, dem
Frankenland und der Oberpfalz. Doch es hat sich über ganz
Süddeutschland ausgebreitet, dass sich in Schwaben, in Baden, im
Schwarzwald, im Maingau über Frankfurt bis hin zur Pfalz allerorten
Zimmerstutzenvereine gründeten.
Oftmals waren es nur ein paar Wenige, die sich in
einer Stammtischlaune zusammenfanden, und einen Verein für den
Zimmerschießsport ins Leben riefen. Aber auch daraus ist Großes
entstanden, wenn die Liebe zum neuen Volksschießsport dauerhaft blieb
und nicht nur die Geselligkeit und das Kartenspiel im Vordergrund
stand. |
Die VereineDie untenstehende Abbildung zeigt eine heute noch existente Schützengesellschaft im Jahre 1904, wie sie für ein gediegenes Vereinsfoto im besten Sonntagsstaat vor dem Fotografen posiert. Mit über 30 Mitgliedern war der bereits 1887 gegründete Zimmerstutzen-Schützen-Club Aub (im Landkreis Würzburg) ein großer Verein. Sie besaßen eine eigene Fahne, die sie stolz zeigen. Auch haben sie ihre Schützenscheiben und andere Devotionalien mittig ins Bild genommen.
Bei genauerer Inspektion des Fotos mag sich der
geneigte Betrachter wundern, warum nicht jedes Mitglied seinen
Zimmerstutzen mit auf's Bild genommen hat. Vor 100 Jahren war es beileibe
nicht so, dass jeder Schütze einen eigenen Stutzen besaß. Oft gab es nur
ein oder zwei Stutzen in einem Verein, mit denen jedes Mitglied gegen eine
Leihgebühr von einigen Pfennigen schießen durfte. Wobei die
Schießübungen meist nur aus wenigen Schüssen bestanden, da ja auch nur
ein Stand eingerichtet war. Damit jeder Zimmerschütze am wöchentlichen
Schießabend auch dran kam, war das Schießprogramm kurz und für unsere
heutigen Begriffe eher spärlich ausgelegt. |
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Doch auf dem Foto des
Zimmerstutzen-Schützen-Clubs Aub sind insgesamt nur vier Zimmerstutzen zu
erkennen, während im Mittelteil des Bildes die Herren Luftgewehre und
anderes kleinkalibriges Schießgerät in den Händen halten. Damals waren
die gängigen Zimmerstutzen wesentlich teurer, als beispielsweise einfache
Teschings, Flobertgewehre und Gartenflintchen.
Auf der Dienstmütze des zweiten Herrn von links ist folgendes zu lesen: „Z. Sch. C. A.“, was die Abkürzung des Vereinsnamens Zimmerstutzen-Schützen-Club Aub ist. Dieser Herr hatte also eine besondere dienstliche Funktion in diesem Schützenverein, vermutlich Zieler oder Pritschenmeister. An solchen Details lässt sich erkennen, dass es diesem Schützenverein ernst war mit dem Schießsport und es nicht nur um Geselligkeit und Vergnügungen ging. |
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| Das nächste Foto zeigt
einen unbekannten Zimmerstutzen-Schützenverein aus dem Jahre 1930, der
vermutlich aus dem Bayerischen Raum ist. Auf der linken Schützenscheibe
ist „Kirchweihschießen 1930“ zu lesen. Auch hier tragen die
Schützenherren für das Vereinsfoto ihren Sonntagstaat.
Man kann vermuten, dass dieser Verein sein Schießlokal in einer ländlichen Gaststätte hatte und der Herr in der Mitte mit der Schürze wahrscheinlich der Wirt und Schützenmeister in Personalunion ist. Rechts ist eine Scheibe zu sehen, die zum 25jährigen Jubiläum des Vereins ausgeschossen wurde, also wurde der unbekannte Verein in der großen Blütezeit des organisierten Zimmerstutzenwesens um die Jahrhundertwende gegründet. Rechts im Bild ist auch noch eine Dame zu sehen – vielleicht ist sie nur versehentlich ins Bild gelaufen, weil sie noch eine Maß dunkles Bier herbei bringt?!? Zwischen den beiden Fotografien liegt also gut ein Vierteljahrhundert und ein Weltkrieg, doch auch dieser Verein nennt nur zwei Zimmerstutzen sein eigen. Also hatten auch schon länger existierende Vereine nicht unbedingt die Möglichkeit, dass sich jedes Mitglied eines eigenen Stutzens bedienen konnte. Oder sie hatten weder das Bedürfnis noch die Notwendigkeit, dass sich jeder einen solchen anschaffte. . |
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Wenden wir uns nun mit den nächsten Bildern einigen Zimmerstutzengesellschaften zu, die aus dem Ammergauer Raum sind. Aus dem Archiv Josef Albl zeigt das folgende Bild einen ländlichen Zimmerstutzenverein aus Oberammergau im Jahre 1906, die sich „S'feuchte Eck“ nannten. Hier erzählt man sich, dass dies ein Verein war, dem es vor allem ums flüssig-feuchte Bier ging. Als Gruß wurde ein Lied angestimmt und man musste ein Stopsel dabei haben ansonsten zahlte man gleich eine Maß!
Bunt gemischt gekleidet, mal im Anzug mal in Tracht
und gut behütet – so präsentierten sich die Schützen aus dem Ammergau
gerne in der ländlichen Heimat. Auch der Zieler gehörte zur
Vervollständigung eines Zimmerstutzenvereins selbstverständlich dazu, im
Hintergrund reckt er (gekleidet im Zielergewand) eine Scheibe empor. Und
vorne in der Mitte durfte auch ein Junior mit auf's Bild! |
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Weiters aus dem Archiv von Josef Albl zeigt das nächste Bild die Zimmerstutzengesellschaft aus Kohlgrub, die sich im Jahre 1926 etwas seriöser in heimatlicher Kulisse ablichten ließ. Die Schützenherren gruppieren sich stolz mit ihren Zimmerstutzen um ihre Vereinsfahne Fahne und Fahnenträger.
Zum Teil mit Anzug (immer mit Weste) und auch in
Joppe mit Lederhose – und stets mit Hut! – geben sie ein geschlossenes
Bild ab. Auch hier sind die Zieler in ihrer besonderen Ammergauer
Zielerkleidung ein fester Bestandteil der Schützengesellschaft. Und in
diesem Verein hatten auch die Mehrzahl der Schützen eigene Stutzen, die
wie selbstverständlich mit im Bilde sind. |
| Wirklich uralte Fotobelege über das Ammergauer Zimmerschützenwesen (ebenfalls aus dem Albl-Archiv) sind diese beiden Bilder, die den Ur-Ur-Onkel Andreas Albl (1854-1898) als feschen Jungschützen im Jahre 1874 zeigen. |
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| Im rechten Bild ist Andreas Albl (ganz rechts) im Kreise einer Ammergauer Zimmerschützen- Gesellschaft zu sehen. Diese Aufnahme der feschen Burschen in ihrer Tracht und stets mit Zimmerstutzen und Wadlstutzen entstand um 1879 herum. |
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Die SchießlokaleAls Schießräume dienten Nebenzimmer von
Gastwirtschaften oder Kegelbahnen. Hier konnte schnell ein Kugelfang und
eine Zielerdeckung installiert werden, ohne dass größere Umbauten
notwendig waren. |
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Solch eine Sommerschießstätte war ein offener Stand, der meist aus Brettern und Planen zusammen genagelt wurde. Fließend Wasser und Elektrizität gab es nicht. Somit war man stets auf passendes Wetter angewiesen um die angesetzten Sommerschießen gut besucht durchführen zu können. Die Ladschreiben zu Sommerschießen oder Preisschießen von Zimmerstutzen-Gesellschaften wurden selten separat gedruckt, sondern meist in der Bayerischen Schützenzeitung veröffentlicht. Nur auf besondere Anforderung beim Schützenmeister oder Schriftführer wurden Ladschreiben an Interessenten verschickt. Das nebenstehende Beispiel zeigt die Ausschreibung der Münchner Schützengesellschaft Grüne Eiche, die seit 1901 in Allach für einige Jahre eine eigene Sommerschießstätte aufgebaut hatte. Ansonsten schoss diese Schützengesellschaft um 1901 in Münchens Innenstadt in einem Lokal in der Rumfordstraße . Es sind die Scheibengattungen, die Scheibenbilder sowie Einlagen und Preisgelder aufgeführt. Auch die Schießzeiten sind angegeben, wobei natürlich der Einbruch der Dunkelheit spätestens das Schießende bedeutete. |
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Ein interessanter Aspekt einer Sommerschießstätte war, dass hier auch auf längere Distanzen geschossen werden konnte, was sonst nur in größeren Sälen bei Preisschießen möglich war. Es war gängige Praxis, hier Frei-Feld-Scheiben anzubieten, die meist auf 25m-30m Distanz aufgestellt waren. Hier wurde vor allem auf Kreiswertung geschossen, während die meisten anderen Scheiben der Zimmerstutzenschützen nur auf Tiefschusswertung zu beschießen waren. Auch auf den seit 1896 durchgeführten Oktoberfest- Landesschießen für Zimmerstutzen wurde auf solche Scheiben geschossen. Die regelmäßig angebotene Kreiswertung ist ein Indiz dafür, dass mehr und mehr auch die sportliche Komponente am Zimmerstutzensport verfolgt wurde und nicht nur das reine „Glücksschießen“ auf Blattl. Eine Serie bestand damals aus drei Schuss, die auf
die 12kreisige Scheibe abgegeben wurden. Also konnte bei einer Serie
maximal 36 Ringe erreicht werden. Die Frei-Feld-Scheibe (oder auch Feld-Ring-Scheibe
genannt) gab es mit rundem oder mit ovalem Scheibenbild, die man von den
bei den Deutschen Bundesschießen verwendeten 300m-Scheiben abgeleitet
hatte. Deswegen wurde sie auch als Leipziger Scheibe bezeichnet. |
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Ein weiterer Beleg für das sommerliche Schießen außerhalb der Stadt findet sich auch aus einer Ankündigung in der Illustr. Bayerischen Schützenzeitung aus dem Jahre 1920, in welcher die Münchner Schützengesellschaft Max-Vorstadt zu einem Preisschießen in Gauting einlädt. Bei schlechtem Wetter sollte die Veranstaltung auf einen der nächsten Sonntage mit gutem Wetter verschoben werden. Hier mussten Veranstalter wie Schützen stets sehr flexibel sein, da sie sich immer dem Wetter zu beugen hatten. Bei auswärtig gelegenen Schießen war es auch üblich, die Abfahrtzeiten für die Bahnverbindung anzugeben. Denn es gab ja kaum Privatautos, so dass fast ein Jeder die öffentlichen Verkehrsmittel nutzte. |
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In den Herbst- und Wintermonaten, wenn es früh dunkel wurde, war die eigentliche Schießsaison der Zimmerstutzenvereine. So gab es die Anfangs- und Endschießen, wie es auch heute noch bei vielen Vereinen üblich ist, die in den Sommermonaten pausieren. Doch wurden die Gaststuben und Schießräume der Schützen in den Städten erst ab ca. 1910 mit Strom versorgt, die gesamte Elektrifizierung Deutschlands war erst in den 1940er Jahren abgeschlossen. So schoss man zuvor bei Kerzenlicht, später mit Beleuchtung mittels Petroleumlampen und anschließend bei Gaslicht. Diese Arten der Beleuchtung brachten eine unterschiedlich geringe Lichtausbeute. Und je mehr Lampen aufgestellt wurde, desto schlechter war die Luft im Schießraum, da es sich ja um sogenannte sauerstoffverzehrende Verbrennungsbeleuchtung handelte. Auch waren die Glaszylinder der Petroleum- und Gaslampen ständig gefährdet, dass Sie durch Abpraller zu Bruch gingen. Auch die Anordnung mehrerer Lampen spielte eine Rolle, denn es war nie gewährleistet, dass alle verwendeten Lampen gleichmäßig hell strahlten. So warfen Sie Schatten oder unruhiges Licht. Es wurden auch in den Zeitungen Inserate von Installateuren geschalten, die ihre besonders lichteffektiven Gasbeleuchtungen speziell für Schießstände offerierten. Ebenso gab es ja keine Zentralheizung, sondern nur Kohleöfen und ähnliches, die den Schießraum heizten. Oder es wurde auch bei grimmiger Kälte im Nebenraum geschossen, während der Rest der Gesellschaft in der geheizten Gaststube saß. So wurden in der kälteren Jahreszeit auch
Schießveranstaltungen im Ladschreiben dahingehend beworben, dass das
Schießlokal mit „Dampfheizung“ versehen ist, wie die folgende
Abbildung mit dem Ladschreiben zum Bundesschießen des Altbayerischen
Schützenbundes im kalten Monat Februar 1910 gleich im ersten Absatz
zeigt. |

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© Brigitte G. Hölscher / August 2009 |